13. Tag – Freitag, 26.06.2026
Hotel Grimsel, abends ca. 22 Uhr
Als hätte ich geahnt, welches Thema beim Nachtickern auftaucht.
Was ist Pilgern mit PS für mich? Was ist Pilgern?
Pilgern bedeutet Innenschau und Loslassen/Zurücklassen des Alltags, während man körperlich unterwegs ist. Eine bewusste Anspannung und Entspannung mit der Intention, der Seele eine neue Erfahrung zu ermöglichen. Im besten Fall führt die körperliche Erschöpfung zu einer sehr tiefen, geistigen, spirituellen Erfahrung. Man fühlt sich beseelt, getragen, voller Leichtigkeit und sprudelt über.
Korsika liegt nun hinter uns. Morgen werden wir in Deutschland ankommen und in den Gesichtern meiner Mitpilger spiegelt sich meine Erschöpfung wider. Das Beseelte fehlt. Und damit die geistige Erfahrung. Dabei heißt es doch bei Pilgern mit PS: Erfahrungen für Gashand, Geist und Seele.
Die Gashand hat viel gesammelt, vielleicht sogar zuviel. Zwischen Kurven und Organisation ist ein Teil hinten runtergefallen, der doch eigentlich der wichtigste Teil sein sollte. Darum fahren die Menschen bei Pilgern mit PS mit, weil sie mehr wollen als nur Kurven fahren. Es gab eine zu große Spanne ohne Nachtickern. Wir haben uns zu zweit vorm Schlafengehen ausgetauscht, aber das ist nicht das Gleiche. Ohne Tourguides nachzutickern ist nicht mit jeder Gruppe möglich. Es braucht jemanden, der den Raum hält, der einen Anstoß gibt, um in tiefgründige Gespräche einzutauchen. Jemanden, der das Gespräch ein bisschen lenken kann. Ich verstehe unter Nachtickern nicht ein wiederholtes Aufzählen, was alles nicht so gut funktioniert hat, was beim Fahren aufgefallen ist, wie erschöpfend die 30°C sind, usw. … Und ich habe mich gestern geweigert, so ein Gespräch erneut zu führen.
Ich bin dieser stressigen Stimmung so müde. Meine Seele ist hungriger als vorher, mein Geist besteht aus Fragezeichen. Bin ich hier noch richtig? Liegt es an mir? Geht es nur mir so?
Im Gedicht heißt es: ‚Kein Mensch ist eine Insel.‘
Meine Interpretation ist, dass wie alle Teil eines Ganzen sind. Auf der Insel habe ich mich wie eine Insel gefühlt. Allein und abgegrenzt. Traurig und unberührt von der Schönheit um mich herum. Erfüllt von Schwere, statt von Leichtigkeit. Es auszusprechen und aufzuschreiben war ein guter, erster Schritt.
Heute bin ich in leichterer Stimmung aufgewacht und habe einen Denkanstoß bekommen, dass in jeder Krise eine Einladung liegt, zu wachsen. Erst wenn man mit dem Herzen sieht, kann man die Antworten des Universums sehen.
Der Zündfunke heute: Was kann ich zu einem guten Tag beitragen?
Kann ich mich selbst auf Null stellen, die Vergangenheit vergangen sein lassen und neu beginnen? Einfach nur heute? Einfach nur im Jetzt sein? Gerade scheint es mir unmöglich.
Die Hitze bringt mein Hirn zum Kochen. Ich will einfach nur, dass es aufhört, dass ich ankomme. Selten habe ich mich so sehr auf Zuhause gefreut. Vielleicht fahre ich morgen ganz früh nach Hause, dann kann ich vorm Arbeiten auch einmal entspannt ausschlafen.
Beim heutigen Nachtickern kippen wir wieder ins Unspirituelle, aber ich habe heute nicht die Energie wie gestern, ein lautes Stoppschild zu sein. Ich stehe auf und ziehe mich zurück, wie ich gestern angedroht habe.
Conny erzählt ihrer Gruppe gerade, dass sie morgen durch den Schwarzwald fährt und triggert mich damit. Ich denke an letztes Jahr im Schwarzwald und die letzte halbe Stunde heute. Das sind genau die Kurven, die ich liebe.
Aber da morgen ein paar Pilger vorm Frühstück nach Hause aufbrechen, biete ich an, das Tagebuch als Gute-Nacht-Geschichte zu lesen.
Ich wünsche Euch eine gute Nacht!
AnneB












